
Bruno Liljefors – Pionier der internationalen Wildtiermalerei
Wenn man über das goldene Zeitalter der schwedischen Kunst spricht, richtet sich das Augenmerk oft auf Carl Larssons idyllische häusliche Szenen oder Anders Zorns virtuosen Umgang mit dem Licht auf dem Wasser und in den Tälern. Bruno Liljefors (1860–1939) bewegte sich in denselben Kreisen, doch seine Kunst schlug einen anderen Weg ein. Er tat mehr, als nur die schwedische Landschaftsmalerei neu zu gestalten – er legte den Grundstein für ein internationales Genre, das später als Wildlife Art bekannt werden sollte. Durch die Kombination wissenschaftlicher Beobachtung mit einem impressionistischen Malansatz verlagerte er das Motiv weg von den arrangierten Requisiten des Ateliers und hinaus in die tatsächlichen Ökosysteme der freien Natur.
Von den Wäldern Upplands bis zur kargen Schärenwelt
Liljefors wurde 1860 in Uppsala geboren. Als Kind war er schwächlich und oft krank, weshalb man ihn ermutigte, viel Zeit im Freien zu verbringen, um seine Gesundheit zu stärken. Was als Kur in den Wäldern und Feuchtgebieten von Uppland begann, entwickelte sich im Laufe der Zeit zu etwas anderem: einer Faszination für die skandinavische Fauna und einem lebenslangen Interesse an Jagd und Sport. Er trainierte seinen Körper auf das Niveau eines Spitzensportlers und wurde zu einem versierten Schützen mit einem geschulten Auge für die Bewegungen der Tiere.

Seine Erfahrung als Jäger prägte seine künstlerische Methode. Während die meisten europäischen Tiermaler jener Zeit nach ausgestopften Präparaten arbeiteten, studierte Liljefors lebende Tiere in Bewegung und in ihrem natürlichen Lebensraum. Er lernte, Anatomie, Muskelspannung und Körpersprache zu lesen – in Ruhe, im Flug oder mitten auf der Jagd. Dieser direkte Kontakt vertiefte sich weiter, als er zeitweise in Österbybruk und später in den Stockholmer Schären lebte, wo Greifvögel und Seevögel zu seinen Hauptmotiven wurden.
Evolutionärer Realismus
Liljefors brach mit der romantischen Naturmalerei des 19. Jahrhunderts, in der die Natur entweder als Idylle oder als moralische Kulisse dargestellt wurde. Er war stark von Darwins Evolutionstheorie beeinflusst, die während seiner Jugend veröffentlicht wurde. Für ihn waren Tiere keine Symbole für menschliche Eigenschaften; sie waren Teil eines größeren Zusammenhangs, geformt durch ihre Umwelt.
Dies zeigt sich am deutlichsten in seinen Darstellungen von Raubwild und Beute. Eine Taube, die von einem Sperber geschlagen wird. Ein Fuchs, der Wildgänse beschleicht. Keine Moralisierung, keine Sentimentalität. Die Gesetze der Natur werden nüchtern präsentiert: der Fressende und der Gefressene. Das Drama liegt im Moment selbst, nicht in einer aufgezwungenen Emotion.
Tarnung ist ein weiteres wiederkehrendes Thema. In seinen Darstellungen von Hasen und Rebhühnern inmitten von schmelzendem Schnee oder herbstlicher Vegetation verschmilzt das Tier fast völlig mit seiner Umgebung. Der Betrachter ist gezwungen, die Szene wie ein Jäger abzusuchen, um das Motiv überhaupt zu finden. Das erforderte nicht nur ein Verständnis der Tieranatomie, sondern auch die Beherrschung der Pleinair-Technik – das Wissen, wie sich Licht, Schatten und Atmosphäre im Freien verändern.
Die weltweit größte Sammlung im Gustavianum
Das Erbe von Liljefors konzentriert sich heute in seiner Heimatstadt Uppsala. Durch zwei private Schenkungen besitzt die Universität Uppsala die weltweit größte und vielfältigste Sammlung seines Werks.
Die erste Schenkung erfolgte in den 1970er Jahren durch den Sohn des Künstlers, Lindorm Liljefors, und dessen Frau Marianne. Sie wurde vor kurzem erheblich erweitert, als seine Enkelin Catarina Lundegårdh dem Museum der Universität, dem Gustavianum, weitere 70 Werke übergab – Ölgemälde, Zeichnungen und Skulpturen aus seinem gesamten Schaffen, darunter mehrere Familienporträts seiner Frau Signe Olofsson.
Das Gustavianum zeigt derzeit eine Ausstellung aus der Sammlung, die bis zum 19. September 2027 läuft. Sie stellt seine bekannten Naturmalereien etwas seltener Gezeigtem gegenüber: den flüchtigen Ölstudien, die er direkt im Feld anfertigte.
Quellen
- Svenskt Biografiskt Lexikon (SBL): Akademische biografische Daten zu Bruno Liljefors' Leben, Erziehung und Künstlerkreisen.
- Nationalmuseum, Stockholm: Historische Ausstellungskataloge und Analysen zur Pleinair-Malerei des 19. Jahrhunderts und zum goldenen Zeitalter der schwedischen Kunst.
- Universität Uppsala / Gustavianum: Offizielle Pressemitteilungen und Dokumentationen zu den Schenkungen von Lindorm Liljefors (1970er Jahre) und Catarina Lundegårdh (2025) sowie zum Ausstellungsprogramm 2026–2027.

